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Donnerstag, November 01, 2018

Die allerletzten Paprika



Schau dir mal das an, was der Herbst da übrig gelassen hat. Die allerletzten Schoten an den Paprikas sind nur noch mini Minischoten. Ich habe hier extra mal eine 1 Cent-Münze daneben gelegt, damit du dir vorstellen kannst, wie klein diese Paprikas sind.


Die größeren hier sind ganz besondere: aus ihnen machen wir Piment d'Espelette, was soviel heißt wie "Chili aus Espelette". Botanisch gesehen sind es einfach Paprika, allerdings scharfe, und eine scharfe Paprika ist eine Chili. Und diese Sorte wird rund um das 2000-Seelendorf Espelette im baskischen Frankreich, 10 km entfernt von der Grenze zu Spanien angebaut und hat sogar ein AOC-Siegel, Appellation d’origine controllée - ein geschützte Herkunftsbezeichnung.

Heißt soviel wie Piment d'Espelette muss auch aus Espelette kommen. Insofern darf unser Gewürz aus diesen roten Schoten hier eigentlich gar nicht so genannt werden - aber unser privates Gewürz können wir ja nennen, wie wir mögen.

Dort im Baskenland, in der Nähe von St. Jean de Pied (ja, das ist der Ausgangspunkt für die meisten Jakobswegwanderer) wird sie einfach Gorria genannt, was soviel heißt wie Paprika. Die tiefroten Früchte werden zum Trocknen aufgefädelt und später erst zum Gewürz vermahlen. Unsere superkleinen hier haben wir einfach so an der Luft trocknen lassen, das funktioniert gut. Sie sind übrigens gar nicht so scharf nur intensiv im Geschmack. Kenner wissen das, wer von der besonderen Schärfe des Piments d'Espelette schwärmt (erst neulich wieder in einer Kochsendung gesehen) hat keine Ahnung. Nur 1500-2500 Scoville, das ist gar nichts, bedenkt man, dass es Chili-Schoten mit mehr als 500.000 Scoville-Einheiten gibt. (Scoville, gibt den Schärfegrad an - für Tabasco beispielsweise werden 2500-5000 Scoville angegeben.)


Die kleinen gelben Minipaprika sind milde Snack-Paprika, die im Sommer natürlich auch nicht so klein waren. Sie sind überhaupt nicht scharf, man kann sie einfach essen wie Cocktailtomaten.


Die Paprika passen übrigens hervorragend auch zum aktuellen Fermentationshype - ich verwende sie sehr gerne für mein Kimchi. Und das ist auch das Thema heute beim Kongress: Kimchi und milchsauer Eingelegtes: Und deshalb gibt es auch heute noch ein bisschen Werbung*:

Hier sind die Links zu den Themen heute beim Fermentationskongress:

Prof. Dr. Ulrich Köpke: Kimchi – das Koreanische Geheimnis für langes Leben

Maria und Marco: Milchsauer einlegen – Die Basics

Paul Seehorst & Halfdan Kluften: Wildes Kraut selber machen mit Erfolg (Anleitung, Tipps & Tricks)

Gestern war es übrigens sehr interessant, da wurde die Herstellung von Miso (u.a. Soba-Miso = Buchweizen-Miso) gezeigt. Zur Übersicht über alle kostenlosen Interviews kommst du hier mit einem Klick

Alle Videos (auch die abgelaufenen) und eine Menge Extras & Boni findest du hier im Wissenspaket.

Und heute startet der Vegan-Leben-Kongress, den ich auch sehr empfehlen kann:

26 Sprecher - heute unter anderem Niko Rittenau - erzählen dir, warum sie vegan leben und vor allem wie sie das tun. Ich finde ja immer, es lohnt sich, sich das Positive von anderen abzuschauen und gerade dann, wenn man sich einer neuen Sache nähert, mal etwas ausprobieren möchte, zu schauen, wie andere das machen. Also schau doch einfach mal hier rein.


Dienstag, August 28, 2018

Pflanzenphilosophie über Streberblüten und Angeberfrüchte


Gestern in einer Fernsehkochshow: Da nannte der Moderator doch einen Teilnehmer einen Streber. Und zwar deshalb, weil dieser ein Abi mit 1,7 gemacht hat, nicht weil er sich traut mit schlappen 18 Jahren an einem Kochwettbewerb teilzunehmen. Jetzt mag man diese Note gut oder weniger gut finden, ganz egal. In einem Land, in dem Worte wie "Streber" oder "Gutmensch" in abwertender Form verwendet werden, läuft irgendetwas falsch.

Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich einmal als Schülerin als Streberin bezeichnet wurde (weil ich einen besseren Aufsatz als die anderen geschrieben hatte). Meine Freundin mit dem schlechtesten Aufsatz wurde von allen getröstet und in den Arm genommen und ich stand alleine da, als jemand, der nicht solidarisch war mit der Allgemeinheit und sich erdreistet hat, eine gute Note zu schreiben.

Das hat mir zu Denken gegeben und meine vermeintliche Solidarität angespornt, ich habe ein schlechteres Abi gemacht, weil ich einfach nur noch in manche Unterrichtsstunden gegangen bin, um zu zeigen, dass ich kein Streber bin. Das habe ich zum Teil bereut, zum Teil aber auch später noch einfach cool gefunden. Heute ist das alles lange her, mein Selbstbewusstsein an erfreulicheren Dingen gewachsen und ich mache mir heute ehrlich gesagt mehr Gedanken um diejenigen Menschen, die andere in abfälliger Weise so bezeichnen, als um die "Streber" selbst.

Und ich kann nur eines sagen: Ihr lieben "Streber", dieses Wort kommt von "streben" und das tut man in der Regel nach etwas Besserem, Höherem. Und das ist gut so. Und ein guter Mensch zu sein ist genau so gut. Für sich selbst und für alle und was die Anderen dazu sagen ist egal.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Ich mochte lange auch keine Streberblumen: Rosen, Orchideen, iiiih. Sie, die perfekt waren, schöner größer und glanzvoller erschienen mir nicht solidarisch mit der Pflanzenwelt.

Heute kann ich darüber nur noch lachen. Haha, was man sich so aneignet im Leben und wie lange es dauert bis man es wieder los wird. Heute mag ich alle Blumen und ganz ehrlich: manche unscheinbare Wildpflanze lebt auch einfach nur vom Understatement. Da kann die Blüte wunderschön sein, uns fällt sie nur nicht auf, weil sie viel kleiner ist. Auch hier gilt: Es ist die betrachtende Person, die sich das Urteil bildet.

"Streberblüten" sind aber in all ihrer Pracht wunderschön, das kann niemand verneinen und wer es dennoch tut, hat vielleicht ein ähnliches Problem, wie ich es hatte? Ich habe bei meinem Besuch in der LVG auf jeden Fall welche entdeckt, die ich euch nicht vorenthalten will, weil Sie riesengroß, pompös, ausgefallen und beeindruckend sind: die Blüten von Mava moscheutos, dem Sumpfeibisch. Die Pflanze braucht ein bisschen mehr Betreuung und Schutz in der Winterzeit, aber da es bei uns ja immer wärmer zu werden scheint, ist das wohl nicht mehr das Problem. Und essbar sind die Blüten auch.


Und ich bin auf richtige Angeber gestoßen in der LVG, sie recken ihre Früchte nach oben, bestechen mit Farbe und mit extrem viel Geschmack und Scoville, der übrigens nicht jedem mundet. Weil: Schaaarf! Und wenn wir schon dabei sind: Was heißt hier Angeber? So aufzutrumpfen wie diese Chilisorten, wovon es unzählige gibt in der LVG ist natürlich einfach nur genetisch bedingt (und manchmal auch den Züchtern zu verdanken) - die Pflanzen können es, sie tun es, sie sind großartig (wofür sie selbst nichts können und worüber sie schon gar nicht reflektieren).


Deshalb kann ich dazu nur sagen: Sei wie Du bist, großartig, einzigartig, bunt, schön … Die Pflanzen machen es uns vor und niemand kann es in Frage stellen.



An diesem sonnigen wunderschönen Herbsttag ist es einfach Zeit zu leuchten! Wie diese wunderschönen Tagetesblüten, die hier im Schwäbischen übrigens "Stinkende Hoffart" heißt statt Studentenblume. Gut ihr Duft mag nicht jedem munden, aber ganz ehrlich, letztendlich beschimpft dieser Ausdruck eine Pflanze, und zwar als hochmütig, stolz, prachtvoll, übermütig und eben stinkend. Wie peinlich ist das denn?


Vergessen wir am besten all das Getue und die Eitelkeiten mancher Menschen, die sie sogar Pflanzen gegenüber zum Ausdruck bringen müssen. Ich liebe diese wunderschönen Kugeln auf stolzen Stielen mit ihrem Duft und es kann mir heute gar nicht üppig genug sein. So und jetzt gehe ich raus mit der Haltung einer Tagetes, der Schönheit einer Sumpfeibischblüte und der Schärfe einer Chili - und ich kann Dir nur empfehlen, das auch zu tun, es fühlt sich nämlich richtig gut an.