Mittwoch, Dezember 20, 2017

Lebensmittellügen aufgedeckt - Literaturtage 2017


Im Oktober fand anlässlich der 34. Literaturtage Baden-Württemberg 2017 in der Stadtbibliothek Sindelfingen ein Werkstattgespräch mit dem Autor Hans Ulrich Grimm statt. Er hat von 1989 bis 1996 für den Spiegel als Redakteur gearbeitet und ist bekannt geworden  mit seinen Artikeln über die Arbeit der Lebensmittelindustrie, die Verwendung von (fragwürdigen) Inhaltsstoffen und die dazugehörigen Marketingstrategien. Jede Menge Bücher hat er dazu bereits veröffentlicht mit so eingängigen Titeln wie "Die Suppe lügt" und "Gummizoo macht Kinder froh, krank und dick dann sowieso: Kinderernährung - was gut ist und was schädlich".



Horst Zecha - Kulturamtsleiter in Sindelfingen hat ihn interviewt - und die Zuhörer durften Fragen stellen. Zum Bersten voll war der Saal nicht, was man angesichts der Thematik vielleicht hätte erwarten können - aber wer will schon wirklich wissen, was man alles isst?

Jetzt muss man dazu sagen, dass Grimm kein Gesundheitsapostel ist, weit entfernt davon, irgendwelche modernen Ernährungskonzepte auszuprobieren oder gar zu propagieren. Er ist nur einfach besorgt und  - sein Pech - er weiß mehr.
Er weiß zum Beispiel, dass in Fertiggerichten so genannte AGEs (sprich: etschies) zu finden sind. Das sind so genannte Glykierungsendprodukte, biochemisch als "Advanced Glycation Endproducts", kurz AGEs, bezeichnet, die natürlich durch Alterung im Körper entstehen können, aber möglichst nicht noch zusätzlich von außen zugeführt werden sollten, weil sie Alterungs- und Krankheitsprozesse beschleunigen. Bei Krankheiten wie Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Morbus Crohn und Colitis sowie Urämie (Harnvergiftung) und Alzheimer Demenz sind sie verstärkt im Körper zu finden. Weil Grimm selbst seinen hausgemachten Kartoffelbrei hat untersuchen lassen, in dem keine dieser Stoffe zu finden waren, die entstehen, wenn Nahrungsmittel industriell verarbeitet und haltbar gemacht werden, weiß er auch, dass es nicht natürlich ist, dass wir sie in großem Maß zu uns nehmen. Das passiert nicht, wenn wir unser Essen selbst frisch zubereiten, aber das passiert jedes Mal, wenn Fertigprodukte verzehrt werden. Das tut schon beim Zuhören weh,

Wow, habe ich mir gedacht, ihm muss es gehen wie mir: Wenn man weiß, was alles nicht wirklich gesund ist oder sogar krankmachend ist, dann will man diese Dinge einfach nicht mehr essen und wundert sich, warum es andere nicht wissen oder sogar essen wollen.
Und wie gesagt, dieser Mann ernährt sich konventionell.


Fast furchteinflößend wurde es, als er über die Machenschaften der Zuckerindustrie berichtet hat: Wie ist es möglich, dass die Zuckerindustrie Gesetzestexte schreibt. Wieso sind Sachverständige aus der Industrie entscheidend an der Politik und an Gesundheitsempfehlungen zum Thema Zucker beteiligt? Er weiß nicht nur dass sie es sind, sondern beispielsweise auch, dass von 7 Sachverständigen nur 2 aus der Politik, aber 5 aus der Industrie beteiligt waren, als es um Zucker in Lebensmitteln ging.

Schade, dass nur so wenige Zuhörer da waren, diese Themen hätten uns alle interessieren müssen, weil es heutzutage doch viel weniger darum geht, wie wir mit Krankheiten umgehen (bei solchen Themen sind ähnliche Veranstaltungen meist voll bis auf den letzten Platz), in Zukunft aber wird es darum gehen, wie wir eigentlich unsere eigene Haut retten und gesundbleiben können, wenn es die Politik schon nicht für nötig erachtet, hier in die richtige Richtung zu steuern.

Zur Sicherheit von Lebensmitteln hatte er eine erstaunliche Zahl parat... 180.000 Tote werden jedes Jahr auf das Konto des Konsums von Softdrinks geschrieben. (Und wir fragen uns, ob Chia-Samen gefährlich sein könnten oder andere Produkte, die dank der Novel-Food-Richtlinien nicht zugelassen werden, obwohl sie sonstwo auf der Welt schon immer irgendwo verzehrt wurden.)

"Die Gesetzgebung", so formuliert er es vorsichtig, sei "bezüglich der Sicherheit von Lebensmitteln nicht auf der Höhe der Zeit." Aha.



Hatte ich anfangs erwartet, nichts Neues zu hören zu bekommen, war ich mir hinterher gar nicht mehr sicher, ob ich das alles so genau wissen wollte. Im Allgemeinen

Eines ist mir an diesem Abend aber auch klar geworden. Es gibt Menschen, die wissen worum es geht und wir alle können es daher auch wissen. Ich bin wirklich dankbar für derlei Veranstaltungen und Informationen, ich finde es nur unglaublich, dass wir das Wissen dieser Menschen nicht nutzen wollen. Die Veranstaltung der Stadtbibliothek ist eine Möglichkeit gewesen, die viel zu viele Menschen verpasst haben - die Bücher dort von Hans-Ulrich Grimm können aber jederzeit ausgeliehen werden - oder direkt unter dem Weihnachtsbaum landen.

Und wer den Industrieprodukten schon längst abgeschworen hat, der kann ja mit meinen Büchern anfangen, in denen dann nachzulesen ist, woran es uns bei konventioneller Ernährung fehlt, was wir aber dank Wildpflanzen und Rohkost und leckeren Rezepten ganz easy wieder "nachfüllen" können. 
Vielleicht werden dann medizinische Vorträge irgendwann schlechter besucht sein als solche zu Ernährungstehmen. (Ihr seht, ich habe heute meinen visionären Tag.)